4. Neues Vorbringen im Beschwerdeverfahren
T 2271/18 × View decision
A clear and detailed preliminary opinion provided by a board - rather than merely "drawing attention to matters that seem to be of particular significance for the decision to be taken" (cf. Article 15(1), fourth sentence, RPBA 2020) - is predominantly intended to give the party(ies) an opportunity to thoroughly prepare their arguments in response to it but not to file new submissions, such as new sets of claims, and to thereby arguably shift the focus regarding the issues on file to be decided in appeal proceedings. In particular, amendments submitted in response to such a preliminary opinion cannot give rise to "exceptional circumstances" within the meaning of Article 13(2) RPBA 2020 (see point 3.3 of the Reasons).
T 1756/16 × View decision
Neuer Einwand nach Zustellung der Ladung zur mündlichen Verhandlung. Entscheidungsgründe,Punkte 3.5-3.10, insbesondere Punkt 3.9.
T 1187/16 × View decision
Falls sämtliche in einer Mitteilung der Kammer behandelten Einwände bereits Gegenstand des bisherigen Verfahrens waren, kann diese Mitteilung das Vorliegen außergewöhnlicher Umstände im Sinne von Art. 13 (2) VOBK 2020 nicht begründen (Punkt 3. der Entscheidungsgründe).
In T 2072/16 wurde der Anspruchssatz des Hilfsantrags 15 erstmals zu einem späten Zeitpunkt in der mündlichen Verhandlung vor der Beschwerdekammer eingereicht. Der Beschwerdeführer argumentierte, dass die Einreichung dieses Anspruchssatzes eine angemessene Reaktion auf die Anspruchsauslegung der Kammer und ihren Neuheitseinwand nach Art. 54 (3) EPÜ sei. Er verstehe erst jetzt die Auslegung insbesondere der Merkmale c, d und f des Anspruchs 1 in der vorläufigen Stellungnahme der Kammer und müsse daher die Möglichkeit erhalten, darauf angemessen zu reagieren. Um festzustellen, ob die Einreichung des neuen Hilfsantrags tatsächlich eine "angemessene Reaktion" auf eine unvorhersehbare Entwicklung oder einen in der mündlichen Verhandlung erhobenen Einwand war, musste die Kammer prüfen, ob eine solche Entwicklung unvorhersehbar war und ob die Reaktion tatsächlich zum frühesten Zeitpunkt erfolgte, also eine unmittelbare Reaktion auf einen Einwand darstellte (s. z. B. T 1990/07, T 1354/11), und ob damit versucht wurde, die noch offenen Einwände zumindest anzusprechen oder gar zu entkräften, d. h. ob die Reaktion kausal mit den beanstandeten Merkmalen verknüpft war. Im vorliegenden Fall enthielt die Mitteilung der Kammer klar die Auslegung von Anspruch 1 durch die Kammer und deren vorläufige Stellungnahme, wonach die Merkmale a bis f und i offenbar nicht neu gegenüber A2 waren. Der früheste Zeitpunkt, zu dem ein Beteiligter neues Vorbringen (wie z. B. einen geänderten Anspruchssatz) einreichen sollte, muss dann sein, wenn – objektiv gesehen – ein unvorhersehbares Ereignis (wie z. B. ein neuer Einwand) im Verfahren erkennbar ist. Entsprechend hätte z. B. die Änderung nach Merkmal c' frühestens bei der Erwiderung des Beschwerdeführers auf die Mitteilung der Kammer nach Art. 15 (1) VOBK 2007 eingereicht werden können. Die Kammer entschied, den Hilfsantrag 15 gemäß Art. 13 (1) VOBK 2007 nicht zum Beschwerdeverfahren zuzulassen.
4.7. Mitteilungen der Beschwerdekammer
Dies ist die 9. Ausgabe (2019) dieser Publikation; für die 10. Ausgabe (2022) siehe hier |
Mitteilungen der Beschwerdekammern nach Art. 15 (1) VOBK 2007 dienen der Vorbereitung der mündlichen Verhandlung; sie sind keine Aufforderung an die Verfahrensbeteiligten, weitere Vorbringen oder Anträge einzureichen (T 1459/11 und T 1862/12).
In T 1168/08 ließ die Kammer die Begründung für die verspätete Einreichung der neuen Anträge – nämlich dass sie als Reaktion auf die Mitteilung der Kammer eingereicht worden seien – hier nicht gelten, weil die Argumentation in der vorläufigen Stellungnahme der Kammer, wonach der beanspruchte Gegenstand keine Grundlage in der ursprünglich eingereichten Fassung der Anmeldung habe und nicht neu sei, inhaltlich mit der Argumentation des Beschwerdegegners in seiner Erwiderung auf die Beschwerdebegründung übereinstimmte. Eine Mitteilung der Kammer nach Art. 15 (1) VOBK 2007 soll als Orientierungshilfe für die mündliche Verhandlung dienen. Sie hilft den Verfahrensbeteiligten, ihre Argumentation auf Aspekte zu konzentrieren, die die Kammer im Hinblick auf ihre Entscheidungsfindung als wesentlich erachtet. Enthält die Mitteilung der Kammer eine vorläufige Stellungnahme, der ausschließlich die von den Parteien angesprochenen Punkte und deren Argumente zugrunde liegen, so kann diese Mitteilung nicht als Rechtfertigung für die Einreichung neuer Anträge dienen, die die Beteiligten schon früher hätten einreichen können (s. auch T 253/10, T 582/12).
In T 30/15 machte der Beschwerdeführer geltend, dass die Kammer in ihrer vorläufigen Auffassung einen neuen, die ausreichende Offenbarung betreffenden Einwand erhoben und er aus diesem Grund schnellstmöglich das neue Dokument T18 eingereicht habe. Die Kammer erklärte, dass der Wortlaut ihrer vorläufigen Auffassung keinen neuen Einwand darstellte, sondern lediglich eine Zusammenfassung der in der angefochtenen Entscheidung erhobenen Einwände. Die Einreichung von T18 als Reaktion auf die vorläufige Auffassung der Kammer war also nicht gerechtfertigt.
- T 2271/18
- T 2072/16
- T 1756/16
- T 1187/16
- Rechtsprechung 2019