4. Erste Anmeldung für die Erfindung
Übersicht
In T 1662/14 betraf der Anspruch 1 des Hauptantrags ein Anästhetikumabgabesystem zur intravenösen Abgabe einer gewünschten Dosis von Propofol an einen Patienten. Die Kammer musste ermitteln, ob und in welchem Umfang die Euro-PCT-Anmeldung D2 Stand der Technik nach Art. 54 (3) EPÜ darstellte. Der Anmelde- und der Veröffentlichungstag von D2 lagen zwar nach dem Anmeldetag des Streitpatents (für das keine Priorität in Anspruch genommen wurde), doch beanspruchte D2 die Priorität von D3, einer US-Anmeldung des Rechtsvorgängers des Anmelders von D2, die denselben technischen Inhalt wie D2 aufwies und vor dem Anmeldetag des Streitpatents eingereicht worden war. Die Kammer prüfte, ob die Priorität von D3 wirksam beansprucht worden war. D11 war ebenfalls eine US-Anmeldung des Rechtsvorgängers des Anmelders von D2 und hatte denselben technischen Inhalt wie die ursprüngliche Anmeldung, auf der das Streitpatent basierte. D3 war eine Teilfortsetzung von D11, sodass für D11 Rechte im Sinne von Art. 87 (4) EPÜ bestehen geblieben waren. Folglich war nicht D3, sondern D11 die erste Anmeldung in Bezug auf die darin offenbarte Erfindung. D2 konnte somit nicht wirksam die Priorität von D3 für diese Erfindung beanspruchen. Obgleich D2 die Priorität von D3 nicht wirksam für den allgemeinen, bereits in D11 enthaltenen Gegenstand beanspruchen konnte, enthielt die Offenbarung von D2 jedoch diesbezüglich spezifischere Elemente. Das heißt, D2 offenbarte ein System mit zusätzlichen, nicht in D11 offenbarten technischen Merkmalen. D11 war folglich nicht die erste Anmeldung für das spezifischere System. Der Prioritätsanspruch von D2 war somit gültig in Bezug auf dieses System, für das D3 die erste Anmeldung war. Dieses spezifische System war Stand der Technik nach Art. 54 (3) EPÜ und nahm den Gegenstand des Anspruchs 1 vorweg.
4. Erste Anmeldung für die Erfindung
Dies ist die 9. Ausgabe (2019) dieser Publikation; für die 10. Ausgabe (2022) siehe hier |
Grundsätzlich kann nur die erste in einem Verbandsland der PVÜ oder einem Mitglied der WTO getätigte Anmeldung Grundlage des Prioritätsrechts sein. Für den Anwendungsbereich des EPÜ ergibt sich das aus dessen Art. 87 (1) und (4) EPÜ.
Gibt es also neben der Anmeldung, deren Priorität in der europäischen Nachanmeldung beansprucht wird, noch eine ältere Voranmeldung, so ist für die Überprüfung der Gültigkeit des Prioritätsanspruchs zu untersuchen, ob die in der Nachanmeldung beanspruchte Erfindung bereits in dieser älteren Anmeldung offenbart ist – s. dieses Kapitel II.D.4.1. Entscheidungen, in denen es auch um die Anmelderidentität geht, werden hier in Kapitel II.D.4.2. behandelt.
In T 477/06 befand die Kammer zunächst, dass die Euro-PCT-Anmeldung D8 nicht gemäß Art. 54 (3) und (4) EPÜ 1973 Stand der Technik für die Streitanmeldung war, weil sie wegen Nichtentrichtung der Benennungsgebühren (R. 23a EPÜ 1973) als zurückgenommen galt. Allerdings war sie vom gleichen Anmelder vor der Prioritätsanmeldung eingereicht worden. Da ein beanspruchter Gegenstand durch diese frühere Anmeldung vorweggenommen wurde, war die Prioritätsanmeldung nicht die erste Anmeldung im Sinne des Art. 87 (1) und (4) EPÜ 1973 (vgl. Art. 8 (2) b) PCT), sodass der Prioritätsanspruch nicht gültig war. Somit konnte für die Streitanmeldung lediglich ab dem Anmeldetag eine Priorität in Anspruch genommen werden, und D8 war Stand der Technik gemäß Art. 54 (2) EPÜ 1973. S. auch T 1222/11 in diesem Kapitel II.D.4.1.
Zum Fall einer Priorität, die für unwirksam erklärt wurde, weil nicht für die Zwecke von Art. 87 (4) EPÜ 1973 nachgewiesen wurde, dass zum Zeitpunkt der Einreichung der Anmeldung, deren Priorität beansprucht wurde, eine frühere, vom Anmelder in Bezug auf dieselbe Erfindung eingereichte erste Anmeldung zurückgenommen war, s. T 1056/01 (s. Kapitel III.G.4.3.5).
- Rechtsprechung 2019